Hashimoto-Thyreoiditis verständlich erklärt

Hashimoto ist die häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion in den Industrieländern. Hinter dem Namen steckt eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das eigene Immunsystem gegen die Schilddrüse richtet. Schätzungen zufolge sind fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung betroffen, Frauen etwa zehnmal häufiger als Männer. Beschrieben wurde die Krankheit erstmals 1912 vom japanischen Arzt Hakaru Hashimoto, daher der Name.

Das Tückische daran: Die Erkrankung entwickelt sich langsam, oft über Jahre, und die ersten Beschwerden sind so unspezifisch, dass sie leicht mit Stress, dem Alter oder einer Erschöpfung verwechselt werden. Dieser Text erklärt dir in Ruhe, was bei Hashimoto im Körper passiert, wie die Erkrankung verläuft und wie sie zuverlässig festgestellt wird.

Was bei Hashimoto im Körper passiert

Normalerweise unterscheidet das Immunsystem sauber zwischen körpereigenem Gewebe und fremden Eindringlingen wie Viren oder Bakterien. Bei einer Autoimmunerkrankung geht diese Unterscheidung verloren. Bei Hashimoto bildet der Körper Abwehrstoffe gegen die eigene Schilddrüse und behandelt das Organ so, als wäre es ein Fremdkörper.

Die Folge ist eine chronische Entzündung. Immunzellen wandern in das Schilddrüsengewebe ein, gleichzeitig greifen Antikörper wichtige Bausteine der Hormonproduktion an. Über die Jahre wird immer mehr funktionsfähiges Gewebe zerstört und durch Bindegewebe ersetzt. Man spricht von einer Fibrose. Weil die Schilddrüse dadurch weniger Hormone bilden kann, entsteht schrittweise eine Unterfunktion. Wie du eine Schilddrüsenunterfunktion erkennst, hängt stark davon ab, wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist.

TPO- und Tg-Antikörper: die Spuren des Immunangriffs

Zwei Antikörper stehen bei Hashimoto im Mittelpunkt. Sie sind gewissermaßen die Fingerabdrücke, die der Autoimmunprozess im Blut hinterlässt.

  • Anti-TPO-Antikörper richten sich gegen das Enzym Thyreoperoxidase, das für die Hormonbildung unverzichtbar ist. Sie lassen sich bei rund 90 bis 95 Prozent der Betroffenen nachweisen und sind damit der wichtigste Marker.
  • Anti-Tg-Antikörper greifen das Thyreoglobulin an, eine Vorstufe der Schilddrüsenhormone. Sie sind bei etwa 60 bis 80 Prozent erhöht, gelten aber als weniger aussagekräftig.

Neben den Antikörpern spielen bestimmte Immunzellen eine tragende Rolle. Sie aktivieren weitere Abwehrzellen, die das Schilddrüsengewebe direkt angreifen. Wichtig zu wissen: Etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen haben trotz eindeutiger Erkrankung keine nachweisbaren Antikörper. In diesen Fällen spricht man von einer seronegativen Hashimoto, und die Diagnose stützt sich dann vor allem auf den Ultraschall.

Warum Hashimoto so viele Gesichter hat

Die Schilddrüse steuert mit ihren Hormonen praktisch jede Zelle im Körper. Sie beeinflusst den Energiestoffwechsel, die Körpertemperatur, den Herzschlag, die Verdauung, die Stimmung sowie Haut, Haare und den Zyklus. Wenn die Hormonproduktion nachlässt, laufen all diese Prozesse langsamer. Das erklärt, warum die Beschwerden so breit gefächert sind.

Typische Anzeichen einer Hashimoto-bedingten Unterfunktion sind:

  • anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht bessert
  • Kälteempfindlichkeit und ständig kalte Hände und Füße
  • ungewollte Gewichtszunahme trotz gleichbleibender Ernährung
  • trockene Haut, Haarausfall und brüchige Nägel
  • Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, oft als Brain Fog beschrieben
  • gedrückte Stimmung und Antriebslosigkeit
  • Verstopfung, Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Zyklusstörungen bei Frauen und erhöhte Cholesterinwerte

Nicht jeder hat alle diese Symptome, und die Beschwerden können im Verlauf wechseln. Manche Menschen fühlen sich trotz erhöhter Antikörper lange kaum beeinträchtigt, andere leiden stark. Ein Sonderfall ist der sogenannte Schub, bei dem aus dem entzündeten Gewebe kurzzeitig zu viel Hormon freigesetzt wird. Dann treten vorübergehend Zeichen einer Überfunktion auf, etwa Herzrasen, Nervosität und innere Unruhe. Fachleute nennen das Hashitoxikose.

Wie Hashimoto verläuft

Die Erkrankung durchläuft typischerweise mehrere Phasen, wobei nicht jeder Mensch alle Stufen erreicht.

  • Phase 1, Euthyreose mit Antikörpern: Die Schilddrüsenfunktion ist noch normal, im Blut lassen sich aber bereits Antikörper nachweisen. Häufig bestehen noch keine oder nur vage Beschwerden.
  • Phase 2, subklinische Unterfunktion: Der TSH-Wert beginnt zu steigen, während das freie T4 noch im Normbereich liegt. Einige Betroffene haben schon Symptome, andere nicht. Das Risiko, dass daraus eine ausgeprägte Unterfunktion wird, liegt bei etwa zwei bis fünf Prozent pro Jahr.
  • Phase 3, manifeste Unterfunktion: TSH ist deutlich erhöht, das freie T4 erniedrigt. Jetzt sind die Beschwerden meist spürbar, und in der Regel wird eine Hormonersatztherapie nötig.

Interessant ist, dass sich bei rund 40 bis 60 Prozent der Menschen mit einer subklinischen Unterfunktion die Werte innerhalb von fünf Jahren von selbst wieder normalisieren, besonders wenn die Antikörper nur leicht erhöht sind. Hashimoto ist also kein zwangsläufig geradliniger Weg in die schwere Unterfunktion.

Merke

Erhöhte Antikörper bedeuten nicht automatisch, dass du Hormone einnehmen musst. Entscheidend ist die Kombination aus Laborwerten, Beschwerden und Verlauf. Solange die Schilddrüse noch genug Hormone bildet, geht es oft zunächst um regelmäßige Kontrollen statt um sofortige Behandlung.

Wie Hashimoto diagnostiziert wird

Ein einzelner TSH-Wert reicht für eine saubere Abklärung nicht aus. Zur vollständigen Diagnostik gehören mehrere Blutwerte und in der Regel ein Ultraschall.

Die wichtigsten Laborwerte sind:

  • TSH als Steuerhormon der Hirnanhangsdrüse. Der Normbereich liegt je nach Labor etwa bei 0,4 bis 4,0 mU/L. Steigt der Wert, ist das ein Hinweis auf eine Unterfunktion. Wie du den TSH-Wert richtig einordnest, hängt immer auch von den Referenzwerten des jeweiligen Labors ab.
  • Freies T4 (fT4) zeigt, wie viel aktives Hormon verfügbar ist. Bei Hashimoto ist es normal oder erniedrigt.
  • Freies T3 (fT3) ist das biologisch aktivste Hormon und wird größtenteils aus T4 umgewandelt. Ein niedriges fT3 bei normalem fT4 kann auf ein Umwandlungsproblem hindeuten.
  • TPO- und Tg-Antikörper belegen den Autoimmunprozess, auch wenn die Funktion noch normal ist.

Der Ultraschall ergänzt die Blutuntersuchung und ist besonders bei fehlenden Antikörpern wichtig. Typisch für Hashimoto ist ein inhomogenes, echoarmes Gewebe, das dunkler erscheint als eine gesunde Schilddrüse, oft als mottenfraßartig beschrieben. Die Drüse kann vergrößert sein (Struma) oder im Verlauf auch schrumpfen. Knoten kommen häufiger vor und sollten ab einer Größe von etwa einem Zentimeter genauer angeschaut werden.

Der Zusammenhang mit der Unterfunktion

Hashimoto und Schilddrüsenunterfunktion werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber nicht dasselbe. Hashimoto ist die Ursache, die Unterfunktion die mögliche Folge. Die Entzündung zerstört über die Zeit hormonbildendes Gewebe, wodurch die Produktion sinkt. Erst wenn zu wenig Hormon übrig bleibt, entsteht die eigentliche Unterfunktion mit ihren spürbaren Beschwerden.

Genau deshalb kann jemand jahrelang Antikörper im Blut haben, ohne sich krank zu fühlen. Umgekehrt gibt es Menschen mit ausgeprägten Symptomen. Die Standardbehandlung der Unterfunktion ist der Ersatz des fehlenden Hormons mit Levothyroxin, das in der Regel morgens nüchtern eingenommen wird. Auf den Autoimmunprozess selbst hat dieses Hormon keinen direkten Einfluss, es gleicht lediglich den Hormonmangel aus. Eine etablierte Therapie, die den Angriff des Immunsystems stoppt, gibt es bislang nicht.

Was Betroffene wissen sollten

Hashimoto ist eine lebenslange, in den allermeisten Fällen aber gut behandelbare Erkrankung. Mit einer passenden Einstellung der Hormone führen die meisten Menschen ein beschwerdefreies Leben mit normaler Lebenserwartung. Ein paar Punkte helfen im Umgang mit der Diagnose:

  • Wer Hashimoto hat, trägt ein erhöhtes Risiko für weitere Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie, Typ-1-Diabetes oder eine Vitamin-B12-verwertende Magenschleimhautentzündung. Regelmäßige Kontrollen sind sinnvoll.
  • Ein normaler TSH-Wert schließt Hashimoto in frühen Stadien nicht aus. Bei anhaltenden Beschwerden lohnt es sich, gezielt nach Antikörpern zu fragen.
  • Manche Betroffene fühlen sich trotz rechnerisch guter Werte weiterhin nicht wohl. Das ist ein Grund, im Gespräch mit der behandelnden Praxis dranzubleiben und mögliche Begleitfaktoren wie Nährstoffmängel oder eine gestörte Hormonumwandlung mit abzuklären.

Die Datenlage weist darauf hin, dass Nährstoffe wie Selen, Vitamin D und Eisen für die Schilddrüse eine Rolle spielen und bei Hashimoto häufig unzureichend vorhanden sind. Solche Werte lassen sich im Blut bestimmen. Nahrungsergänzungsmittel ersetzen jedoch keine Hormontherapie und sollten vor einer Einnahme ärztlich abgeklärt werden.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Wenn du mehrere der beschriebenen Beschwerden bei dir bemerkst oder der Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung besteht, lass das ärztlich abklären, statt in Eigenregie zu behandeln.

Quellen

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